Im Jahr 2020 veröffentlichte die Fleischner Society ein Positionspapier, in dem erstmals die sogenannten interstitiellen Lungenabnormalitäten (ILAs) definiert wurden.
ILAs werden bei bis zu 9 % der Raucher*Innen und 7 % der Nichtraucher*Innen gefunden und in dieser Arbeit als Lungenveränderungen beschrieben, die zufällig im Rahmen einer CT-Untersuchung entdeckt werden und deren klinische Bedeutung unklar ist.
Gemäß diesem Positionspapier müssen die Veränderungen mindestens 5 % einer Lungenzone betreffen und dürfen nicht bei Patient*Innen auftreten, bei denen eine interstitielle Lungenerkrankung (Interstitial Lung Disease, ILD) klinisch vermutet wird (z. B. bei Patient*Innen mit rheumatoider Arthritis). Da diese ILAs die Vorstufen einer klinisch relevanten interstitiellen Lungenerkrankung sein können, ist es wichtig, ILAs zu erkennen und von ILDs abzugrenzen. 
In einem rezenten Statement der ATS (American Thoracic Society) wurde diese Thematik erneut aufgegriffen: Ein Komitee bestehend aus klinischen und methodologischen Expert:innen hat Kriterien identifiziert, um ILAs bzw. ILDs klarer zu definieren. Dazu wurde eine Abstimmung über 11 präspezifizierte Fragen durchgeführt. Um als „Konsensus“ zu gelten, war eine Übereinstimmung von ≥ 70% erforderlich. Die Publikation basiert auf einer umfassenden Literaturrecherche zu ILAs und wurde um Updates zur ILA-Definition der Fleischner Society ergänzt. Sie liefert evidenzbasierte Vorschläge für die Evaluierung und das Management von ILA.

Definitionen

ILA: Wie in der Definition der Fleischner Society werden auch in der neuen Definition der ATS ILAs als nicht-gravitationsabhängige, bilaterale parenchymale Anomalien in der Computertomographie beschrieben. Dazu zählen Milchglastrübungen, Retikulationen, Lungenverformungen, Traktionsbronchiektasien und/oder Honeycombing, die mindestens 5 % einer Lungenzone betreffen.
Ein wesentlicher Unterschied zur Definition der Fleischner Society besteht jedoch darin, dass in der neuen Arbeit nun explizit auch Patienten eingeschlossen werden, bei denen eine Lungenerkrankung zwar erwartet werden kann, aber klinisch noch nicht manifest ist.

ILD: Unterscheidet sich von ILAs durch Symptome (Dyspnoe, Husten), die einem interstitiellen Prozess zuzuschreiben sind, abnorme oder abnehmende Lungenfunktion, fibrotische (Honeycombing und/oder Retikulation mit Traktionsbronchiektasien, die ≥ 5% des gesamten Lungenvolumens involvieren) oder progressive Anomalien und/oder spezifische fibrotische ILD-assoziierte Muster in der Bildgebung oder Histopathologie.

Zusammenfassung der Empfehlungen

Screening

1.) Bei Raucher*Innen, bei denen zwecks Lungenkrebsscreenings eine Computertomographie (CT) des Thorax durchgeführt wird sollte eine systematische Evaluierung und Dokumentation über das Vorliegen von ILAs und/oder ILDs durchgeführt werden.
2.) Bei erwachsenen Patient*Innen mit einer Kollagenose (Connective Tissue Disease, CTD), die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer ILD aufweisen, sollte bei Diagnose eine Thorax-CT durchgeführt werden.
3.) a)  Für Erwachsene ≥ 50 Jahre, die eine*n Verwandte*n ersten Grades mit einer FPF (familiäre pulmonale Fibrose) haben, wird ein CT-Screening des Thorax auf das Vorliegen von ILAs/einer ILD empfohlen.
b)  Das Thorax-CT-Screening auf ILAs/einer ILD bei Erwachsenen ≥ 50 Jahre mit einem/einer Verwandten ersten Grades, der/die eine IPF (idiopathische Lungenfibrose) hat, wird weder befürwortet noch abgelehnt. Dieses Ergebnis beruht auf einer fehlenden Übereinstimmung bei der Abstimmung.
4.) Bei Erwachsenen ≥ 50 Jahre, die eine*n Verwandte*n ersten Grades mit einer Lungenfibrose haben, wird vor einem weiterführenden CT-Screening auf ILAs/ ILDs keine Testung auf MUC5B empfohlen.
5.) Eine Messung der Telomerlänge als initiale Testung vor einem weiterführenden Thorax-CT-Screening wird für Erwachsene mit einem/einer Verwandten ersten Grades mit pulmonaler Fibrose nicht empfohlen.

Baseline-Untersuchungen

6.) Bei Patient*innen bei denen eine ILA gefunden wurde, sollte zum Diagnosezeitpunkt eine Evaluierung der Symptome erfolgen. Die Symptomerfassung ist als Befragung nach dem Auftreten von Husten und Dyspnoe bei Belastung definiert. Dieser Empfehlung wird ein hoher Stellenwert zur nicht-invasiven Identifizierung einer ILD beigemessen.
7.) Ebenso sollte bei Patient*Innen bei Vorliegen einer ILA zum Zeitpunkt der Erstdiagnose eine Lungenfunktionstestung (LuFu) durchgeführt werden. Als wesentliche Parameter der LuFu gelten dabei die FVC (forcierte Vitalkapazität), die TLC (totale Lungenkapazität) und die DLco (Kohlenmonoxid-Diffusionskapazität).
8.) Bei ILA-Patient*Innen sollte  zum Zeitpunkt der Erstdiagnose keine Biopsie für eine histopathologische Untersuchung durchgeführt werden. Dieser Empfehlung kommt insofern ein hoher Stellenwert zu, als dadurch potenzielle Schäden aufgrund eines invasiven Verfahrens bei Nicht-Vorliegen einer robusten Evidenz für einen Benefit durch daraus gewonnene Informationen vermieden werden.
9.) Bei ILA-Patient*Innen sollte aus Kostengründen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose keine MUC5B-Testung durchgeführt werden.
10.) Bei ILA-Patient*Innen sollte aus Kostengründen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose keine Messung der Telomerlänge erfolgen. Diese Untersuchung ist nicht überall verfügbar und liefert keine Informationen, die nicht anderweitig gewonnen werden können.

Untersuchungen im Follow-up

11.) ILA-Patient*Innen sollen 2-3 Jahre nach der Thorax-CT-Untersuchung nach Erstdiagnose erneut einem CT-Scan zugeführt werden. Eine frühere Wiederholung des Thorax-CTs (nach 12 Monaten) kann in einem bestimmten klinischen Kontext Sinn machen. Die Häufigkeit von Folge-CT-Scans hängt von vielen Faktoren, einschließlich dem Nachweis einer Progression der ILA beim ersten Follow-up-CT nach der CT-Untersuchung nach Erstdiagnose, ab.

Quelle: 

Podolanczuk AJ et al., Am J Resp Crit Care Med 2025; DOI: 10.1164/rccm.202505-1054ST01

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